3. Deutsch-Chinesischer Automobilkongress

Neue Wertschöpfung – neue Kooperationen

Bericht vom 3. Deutsch-Chinesischen Automobilkongress in Ingolstadt – Plattform für den Dialog der Branchencluster – Diskussion über Transformation der Branche

 

Die Automobilwirtschaft ist im Umbruch. Bei deutsch-chinesischen Unternehmenskooperationen bieten sich neue Chancen. Die rund 450 Besucher des 3. Deutsch-Chinesischen Automobilkongress, der während der IAA in Ingolstadt stattfand, diskutierten sehr offen über gemeinsame Herausforderungen.

Ausrichter der Veranstaltung war die Investitionsagentur China International Investment Promotion Agency (CIIIPA). Sie ist in Frankfurt niedergelassen und direkt dem Handelsministerium MOFCOM in Beijing unterstellt. Der junge Direktor Frank Xu setzt auf eine intensivere Zusammenarbeit der Automobilcluster beider Länder. In der anstehenden Transformation der Industrie seien die kleinen und mittleren Unternehmen auf Zusammenarbeit und Unterstützung angewiesen, um sich erfolgreich in den neuen Wertschöpfungsketten zu positionieren.

Wachstum durch Kooperationen sichern

 

Digitalisierung, Elektromobilität, Autonomes Fahren – in diesen Bereichen biete eine Zusammenarbeit mit chinesischen Unternehmen eine Reihe von Vorteilen. Dafür seien die Marktgröße, das hohe Tempo der Umsetzung und die Verfügbarkeit Ressourcen in China wichtige Faktoren. Xu erinnert auch an die Rolle, welche Investitionen in den chinesische Markt für die Existenzsicherung und das spätere Wachstum zahlreicher Unternehmen der Automobilwirtschaft nach der Wirtschaftskrise von 2009 gespielt hätten..

Mit dieser Perspektive gewann CIIPA seither mehrere regionale und lokale Automobilcluster in Deutschland zu einer Kooperation:

  • automotiveland.NRW

  • Automotive BerlinBrandenburg e. V.

  • Automotive Nord e. V.

  • Bayern Innovativ, Automotivecluster

  • Existenzgründerzentrum Ingolstad

  • MAHREG Automotive

Als jährlichen Fixpunkt richtet die Agentur seit 2017 den Deutsch-Chinesischen Automobilkongress aus und gründete in der Folge auch einen Kooperationsrat für die Branche. Für die erste Veranstaltung fand sich mit dem Automobilcluster des Bergischen Landes – heute zu automotiveland.nrw erweitertet – ein starker regionaler Akteur. Im Oktober 2017 fand der erste deutsch-chinesische Automobilkongress in Wuppertal statt. An ihm nahmen 300 Unternehmer und Experten teil.

Dezentrale Struktur der Automobilwirtschaft- Wechsel der Konferenzstandorte

 

Weil die CIIPA ihre Aktivitäten an der dezentralen Struktur der Autombilwirtschaft beider Länder ausrichtet, fand der zweite Automobilkongress 2018 nicht nur in der Metropole Nanjing sondern auch in Nanchang, der Hauptstadt der Provinz Jiangxi, statt.

Als einer der zahlreichen Cluster aus Deutschland hatte dort auch Ingolstadt Flagge gezeigt. Die Audi-Stadt hat in ihrem China-Zentrum bereits 29 Unternehmen aus der Volksrepublik angesiedelt. Bürgermeister Sepp Mißlbeck hatte sich erfolgreich für die Austragung des 3. Deutsch-Chinesischen Automobilkongresses in Ingolstadt eingesetzt.

Als allerdings am 16. September 2019 die Clustermanager, Unternehmer und Delegationen aus beiden Ländern in der Donaustadt zusammen kamen, hat sich jedoch die Stimmung in der Branche verändert. Die globale Handelspolitik, die konjunkturelle Entwicklung in beiden Ländern, aber auch die öffentlichen Diskussionen über China und die Zukunft der Automobilwirtschaft prägten deswegen auch die Diskussionen in Ingolstadt.

 

Simon: Offener und kritischer Dialog notwendig

 

Die hochrangige chinesische Delegation wurde Liu Dianxun angeführt. Er ist Generaldirektor der CIPA in Beijing, eine der beim Einwerben von Direktinvestitionen wohl erfolgreichsten Agenturen der Welt. Beim IAA-Empfang zur Begrüßung der Delegation sprach auch Professor Hermann Simon. Er ist für seine Studien über die “Hidden Champions” auch in China berühmt und wurde in diesen Tagen gerade in die “Hall of Fame” der Thinkers50 aufgenommen. Simon regte einen offen Dialog der beiden so stark miteinander verflochtenen Volkswirtschaften an. Die chinesischen Zuhörer forderte Simon auf, die deutschen Partnern offen zu kritisieren, weil “wir in vielem zu langsam sind, in der Digitalisierung hinterherhinken und wir unsere Infrastruktur verkommen lassen”.

 

Bayern – starkes Engagement in China

 

Am Vortag zur Konferenz tagte im Rathaus in Ingolstadt dann der Kooperationsrat zum 2 . Jahrestreffen. Dort tauschten sich die Mitglieder der Arbeitsgruppe über aktuelle Entwicklungen und neue Initiativen in den einzelnen Regionen aus. Im Kooperationsrat wurde auch ein neues Mitglied begrüßt: Für Bayern Innovativ nahm Andreas Böhm, der Leiter des Clusters Automotive, die Mitgliedsurkunde in Empfang. Nach der herzlichen Begrüßung durch den Bürgermeister im historischen Ingolstädter Rathauses war die Delegation zu einem zünftigen bayerischen Abend in Europas größten Hopfenanbaugebiet eingeladen – von regionalen Unternehmern, die sich damit “für die herzliche Gastfreundschaft revanchieren” wollten, die sie als Teilnehmer des 2. Kongresses in China erfahren hatten.

Solchermaßen gekräftigt und auf Partnerschaft eingestimmt wurden die Teilnehmer der Konferenz in der Stadthalle dann Ohrenzeugen einer bemerkenswert offenen Diskussion über die Zukunft der deutsch-chinesischen Zusammenarbeit in der für beide Länder so wichtigen Automobilbranche.

Ingolstadts Oberbürgermeister Christian Lösel und Bayerns Wirtschaftsstaatssekretär Roland Weigert betonten in ihren Grußworten noch einmal die historische Vorreiterrolle die die Stadt und der Freistaat beim Auf- und Ausbau gedeihlicher Wirtschaftsbeziehungen mit der Volksrepublik China gespielt haben und auch künftig spielen wollen.

 

Wang Weidong: Mehr “Vorhersehbarkeit” und Transparenz für Investoren

 

Der mit dem ICE von Berlin nach Ingolstadt angereiste Gesandte-Botschaftsrat Wang Weidong, der wichtigste Wirtschaftsdiplomat der Volksrepublik in Europa, sprach in seinem Beitrag sehr direkt einige der Kernthemen des Kongresses an. Zwar sei der Warenaustausch zwischen Deutschland und China nach Zahlen des chinesischen Handelsministerium auch im ersten Halbjahr 2019 noch gewachsen, doch seien größere globale Herausforderungen zu bestehen. Dazu seien eine bessere Kommunikation und Anstrengungen zur Schaffung neuer Win-Win-Situationen nötig. Staatspräsident Xi Jinping halte die Automobilindustrie dafür für ein sehr geeignetes Feld. Allerdings setze dies – so Wang Weidong – eine stärkere Offenheit bei wechselseitigen Investitionen voraus. Wang Weidong kritisierte die neue deutsche Außenwirtschaftsverordnung, die bei Investitionsvorhaben aus China die Schwelle für ministerielle Prüfungen heruntersetze, deren Dauer verlängere, den Umfang erweitere und bei den Kriterien zu wenig transparent sei. Die Folge sei für interessierte Investoren aus China somit eine “Unvorhersehbarkeit” von Entscheidungen.

 

Liu Dianxun: Neue Chancen für innovative Start-ups und Mittelständler

 

CIPA-Generaldirektor Liu Dianxun stellte in seiner Ansprache das Konzept seiner Agentur vor, auch kleinen und mittleren Unternehmen den Marktzugang und unternehmerische Entwicklungsmöglichkeiten in China zu ermöglichen. Es seien nicht nur OEMs wie Tesla in China willkommen, das derzeit dort mit einer riesigen Investition einen eigenen Produktionsstandort aufbaut. Auch für Start-ups und mittelständische Technologieunternehmen sei es eine Chance, dass die Volksrepublik mittlerweile 30 Prozent des Weltautomobilmarkts darstelle. Liu nannte Produktionstechnologie und industrielle Services als Bereiche, in denen China einen hochinteressanten Markt für mittlere Unternehmen aus Deutschland darstelle. Hier wolle CIIPA auch künftig unterstützend tätig werden – mit den Plattformen der Cluster-Kooperation. Zu dieser zählten auch Investitionen in die Datenbank für F&E-Projekte, die den Teile- und Komponentenhersteller die Identifizierung von geeigneten Partnern in China erleichtern soll. Unterstützung bei Matchings und Firmenbesuchen soll diese Maßnahmen ergänzen

Norbert Dressler, Partner und Leiter des Automotive Competence Center bei Roland Berger in Stuttgart, unterstrich, dass die Transformation der Automobilindustrie neue Bereiche der industriellen Kooperation schaffe. Mobilitätskonzepte, Autonomes Fahren, Digitalisierung und Elektromobilität seien die Motoren auch für eine neue Strukturen im Bereich der Zulieferung. Hier sei ein Handlungsbedarf erkennbar, der noch nicht in allen Unternehmen erkannt würde. In neuen Tätigkeits- und Wertschöpfungsfeldern seien auch starke Investitionen und erweiterte Unternehmenskäufe zu erwarten.

 

Audi-Vorstand Alexander Seitz: “Wohlstand hängt vom Erfolg in China ab”

 

Wie stark die Verflechtung der OEMs und der gesamten deutschen Automobilindustrie mit China derzeit und auch in Zukunft sein wird, das machte mit fast atemberaubender Offenheit Alexander Seitz deutlich, Audi-Vorstand für Finanzen, China und Recht und von 2013 bis 2017 Generalmanager des Joint-Venture SAIC Volkswagen in Shanghai. “Wenn wir in China nicht erfolgreich sind, werden wir den Wohlstand bei Audi in Deutschland nicht sichern können”, eröffnete Seitz seine Präsentation. Audi ist schon 1988 zu seinem langen und erfolgreichen Marsch in China aufgebrochen und habe dessen Wandel zur führenden Automobilnation mitgestaltet. “Wirtschaftlich ist China für Audi das Reich der Mitte”.

Jetzt stehe das Unternehmen aber vor neuen Aufgaben und Zielen. 2018 habe Audi in 663 000 China Fahrzeugen verkauft, schon für 2021 werde nun nun eine Million angepeilt. Für 2025 sieht Seitz voraus, dass dann 40 Prozent des Audi-Absatzes in China erfolgen. Mit einer Investition von 14 Milliarden Euro bis 2023 und einer umfassenden Mitarbeiterqualifizierung stärke Audi China und stelle sich von dort dem globalen Wettbewerb. Umfassende Digitalisierung sei in China ein Muss: Nicht nur bei der Batterietechnologie, auch bei der IT im Fahrzeug, bei der Organisation von Mobilität entwickle sich China zum globalen Impulsgeber. Lösungen, die Audi und VW in China entwickeln – wie etwa der Brand “Mobility Asia” – seien bald Teil weltweiter Ökosysteme des Konzerns. Dies ein wichtiger Schritt, “China zu globalisieren”, wie Seitz sich ausdrückte.

 

Dudenhöffer: Win-Win-Situationen statt kleinteiliger Konkurrenz

 

Es gibt keinen Automobilexperten in Deutschland, der von den Medien öfter zu aktuellen Entwicklungen angesprochen wird, als Ferdinand Dudenhöffer, der Gründer und Leiter des Think Tanks CAR (Center Automotive Research) an der Universität Duisburg-Essen. Meistens sind die dann ausgestrahlten Statements sehr kurz und wirken summarisch. Der Automobilkongress in Ingolstadt aber bot Dudenhöffer hingegen die Bühne für eine ungewöhnlich scharfe und auch überraschende Bewertung aktueller Entwicklungen in der globalen Automobilwirtschaft.

“Die USA, das ist Automobilgeschichte, old world, sie interessiert nicht mehr”, ergänzte Dudenhöffer seine handelspolitische Kritik an der Trump-Administration. Er sei “absolut sicher”, dass China trotz der Strafzölle auf seinen alten Wachstumspfad zurückkehren würde. Und zwar an führender Stelle in der neuen Wertschöpfungskette der digital basierten Mobilität: Didi, Alibaba, Baidu würden auch das Silicon Valley bald als “von gestern” erscheinen lassen.

Heftige Kritik übte Dudenhöffer auch an dem Versuch, Chinas führenden Technologieunternehmen den Zugang zum Markt in Europa zu verbauen oder ohne Erfolgsaussicht eine kleinteilige Konkurrenz aufzubauen, statt gemeinsam mit China zukunftsfähige große Kooperationen aufzubauen. Ausdrücklich kritisierte der CAR-Chef Überlegungen, Huawei vom Ausbau einer digitalen Infrastruktur auszuschließen. Im Feld der Batterietechnologie sei es unsinnig, KMU in den Wettbewerb zu Playern wie CATL zu jagen. Die für eine umfassende Elektrifizierung der Automobile benötigten Kapazitäten könnten diese niemals aufbauen. Aussichtsreicher und für die künftige Wertschöpfung in Deutschland bedeutender sei ein großes gemeinsames Forschungsprogramm zum Ausbau von Know-how beim Zellmaterial. BASF sei hier mit 700 Millionen Euro Investitionen in Kreativität und Innovation bei der Kathoden-Entwicklung Vorreiter und wichtiger Akteur. Dies sei weit bessere Grundlage für ein “weltweites Win-Win”.

 

Kongress: Orientierung und Netzwerke für das China-Geschäft

 

An den anschließenden Diskussionen, Arbeitsgruppen und Präsentationen beteiligten sich zahlreiche Cluster-Manager, Unternehmer und Automobilexperten. Vertreter von BMW, Byton, Nio, Cherry und BAIC stellten Projekte und Initiativen vor und bewerteten das gemeinsame Entwicklungs- und Kooperationspotenzial. Ein bemerkenswertes und sehr gut besuchtes Highlight war die Demo, mit der Biao Li von Horizon Robotics den Einsatz von AI bei Assistenzsysteme für das Autonome Fahren vorstellte. Alexander Maute, Geschäftsführer des Spritzguß-Spezialisten Joma-Polytec aus Bodelshausen und in China mit einem Standort in Kunshan vertreten, bezeichnete die Konferenz eine wichtigen Orientierugs- und Kontaktpunkt. Andreas Dressler, Managing Director des FDI-Centers, sagte dass der Ansatz von CIIPA, im Unterschied zu zahlreichen Investitionsagenturen nicht den direkten Zugang zu KMU zu suchen, sondern diese über ihre Netzwerke zu erreichen, “offensichtlich sehr erfolgreich sei.”

 

Fortsetzung in China: 4. Deutsch-Chinesischer Automobilkongress 2020 in Changsha

 

Die Organisatoren und Partner der Konferenz warfen in Ingolstadt schon einen Blick voraus auf weitere Begegnungen und Diskussionen. Sehr wichtig ist eine von Professor Hermann Simon geleitete Delegationsreise für “Hidden Champions” schon im Oktober, die in die Metropolen Chengdu und Tsingtao führt. Für die Hannover Messe 2020 kündigte CIIPA eine erneute Präsenz an. Schließlich aber steht auch schon der Austragungsort des 4. Deutsch-Chinesischen Automobilkongresses fest: Er ist für den Herbst 2020 in Changsha, die Hauptstadt der zentralchinesischen Provinz Hunan terminiert.